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Einsatz vorbei, Kopf frei???

Nach schweren Einsätzen können selbst erfahrene Feuerwehrleute Hilfe benötigen. Zwei Schönningstedter Retter haben sie als sogenannte "Peers" ausbilden lassen, stehen ihren Kameraden zur Seite.

Auf dem Tisch stehen dampfende Kohlrouladen. Carsten Brettner freut sich auf einen Abend mit der Familie. Doch dazu kommt es nicht. Ein Alarmton schrillt in die entspannte Feierabendstimmung. Der Freiwillige Feuerwehrmann eilt zur Schönningstedter Wache. Wie immer weiß er nicht, was ihn erwartet, wenn er mit den Kameraden ausrückt. Meist sind sie die ersten am Unfallort. So auch an dem Abend, den der heute 48-Jährige auch nach 15 Jahren vor Augen hat. Von einer Sekunde auf die andere ist er in eine andere Welt versetzt. Szenarien wie im Krieg. Bilder von verletzten Menschen, abgetrennten Gliedmaßen, die aus Autowracks ragen, oder von bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Leichen. An diesem Abend wird Brettner nicht nur mit schrecklichen Bildern konfrontiert, auch der beißende Geruch setzt ihm zu. Drei Menschen müssen aus einem brennenden Lkw und Mercedes auf der Schönningstedter Straße geborgen werden. Für einen kommt jede Hilfe zu spät. Der gestandene Feuerwehrmann hat lange mit dem Erlebten zu kämpfen, vermeidet alles, was ihn an den Tag erinnern könnte. „Kohlrouladen konnte ich seitdem nicht mehr anrühren“, sagt der Wehrführer.
Jeder verkraftet die Einsätze anders. Bei vielen zeigen sich Verletzungen der Seele erst Jahre später, weiß Dirk Jensen. Manche Helfer würden gar nicht merken, dass Aggression, Depressionen oder Antriebs- oder Schlaflosigkeit auf ein traumatisches Erlebnis im Einsatz zurückzuführen sind. Erst seit dem Zugunglück von Eschede wird auch an das Leid der Helfer gedacht. Seitdem gibt es ein Konzept zur Verhütung seelischer Traumata. Auch in Stormarn soll unter dem Motto „Einsatz vorbei, Kopf frei?“ künftig verhindert werden, dass Helfer der Freiwillige Feuerwehren seelischen Schaden nehmen. Dabei wird erstmals auf kollegiale Ansprechpartner (Peers) gesetzt. Durchschnittlich dreiviertel aller Betroffenen sind mit sozialer Unterstützung in der Lage, psychische Belastungen zu bewältigen, wenn sie früh genug die Möglichkeit dazu bekommen. Zum Beispiel, indem sich nach einem belastenden Einsatz alle Helfer versammeln und darüber sprechen. Diese Arbeit für Stormarns Wehren leisten künftig zwei Feuerwehrmänner aus Schönningstedt. Klaus Mahncke (45) und Dirk Jensen (48) sind ausgebildete „Peers“ für die psychosoziale Unterstützung der 3234 aktiven Helfer. Beide haben eine spezielle Fortbildung absolviert. Erstmalig setzt der Kreisfeuerverband damit auf Prävention aus eigenen Kräften.
Jensen ist seit eineinhalb Jahren bei der Feuerwehr und bringt als Psycho- und Physiotherapeut außerdem Fachwissen ein. Mahncke ist Beamter und seit Oktober 2009 bei der Feuerwehr. „Helfer haben oft besondere Fähigkeiten entwickelt, mit belastenden und extremen Situationen umzugehen. Doch manchmal geraten auch die an ihre Grenzen“, wissen beide aus eigener Erfahrung. Besonders belastend sind der Tod eines Kindes oder miterleben zu müssen, wie ein Kollege verunglückt. Auch unerwartete Situationen, können einen Schock auslösen. Wenn zum Beispiel eine Person plötzlich aus einem Feuer auftaucht, obwohl die Meldung lautete, dass sich niemand mehr im brennenden Haus befindet.
Gerade die Unterstützung durch Kameraden und Vorgesetzte ist wichtig. „Wir wollen einfach nur helfen, dass jeder gesund aus dem Einsatz geht“, so Jensen. Dafür ist ihr Handy (0152-59915680) 24 Stunden geschaltet. Pastor Benedikt Kleinhempel stellt in der Gemeinde bei Bedarf Räume für Gespräche zur Verfügung. Es sei wichtig, dafür aus dem Feuerwehrumfeld herauszukommen, so Jensen. Beide „Peers“ hoffen, dass viele Kollegen von dem Angebot Gebrauch machen, denn ein frühzeitiges Erkennen der Anzeichen vom Händezittern bis zu Alpträumen hilft bei der Bewältigung und schützt vor posttraumatischen psychischen Erkrankungen.

Kollegiale Ansprechpartner (Peers) leisten psychologische Unterstützung nach belastenden Erlebnissen. Beim Peer Support System geht es um die rechtzeitige und gesunde Bewältigung (Coping) solcher Erlebnisse. .Das Peer Support System ist vor allem präventiv ausgerichtet, da es sich zur Vorbeugung einer späteren posttraumatischen Belastungsstörung eignet.

Bericht: Bergedorfer Zeitung


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